Geschrieben von Hans-Heinrich Kirchhoff und Christian Paul
Ehemalige Gustav-Adolf-Kirche in Leinhausen

Am 6. Mai 2007 wurde die Gustav-Adolf Kirche als christliches Gotteshaus in einem feierlichen Gottesdienst mit Frau Landessuperintendentin Dr. Spieckermann entwidmet. Die ehemalige Gustav-Adolf-Kirchengemeinde ist nun Teil der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Herrenhausen-Leinhausen. Auf den folgenden Seiten erwartet Sie ein kurzer Rückblick auf die 40jährige Geschichte der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde und auf die damit eng verbundene Entwicklung des Stadtteils Leinhausen.


Ein Abschied – aber keiner für immer“, überschrieb Pastor Tegtmeyer im Herrenhäuser Boten Nr.1/1967 seine Abschiedsworte zum Zeitpunkt der Verselbständigung der Leinhäuser Gemeinde zur Gustav-Adolf Kirche. Sicher nicht in dieser Form gedacht, sollte es nach 39 Jahren Realität wer­den.

Blick über die Dächer des "alten" Leinhausen

Eigentlich begann die Geburtsstunde der Leinhäuser Kirchengemeinde be­reits am 1. April 1878, dem amtlichen Geburtstag Leinhausens, bei dem auf­grund eines Erlasses des preußischen Ministeriums für öffentliche Arbeiten der selbstständige Gutsbezirk im Landkreis Hannover eingerichtet wurde, der dann erst 1928 zur Stadt Hannover kam.

Während es auf Gemeindeebene nicht gelang, diesen auf der grünen Wiese errichteten Werkstatt- und Wohnbereich in eines der umliegenden Dörfer Herrenhausen oder Stöcken zu integrieren, gehörten die Leinhäuser von Anfang an neben den Herrenhäusern und weiteren Stadtteilen wie List und Vahrenwald zur Hainhölzer Kirche. Die Hoffnung auf ein eigenes Kirch­spiel blieb ihnen aber versagt. In einem ministerialen Dokument von 1879 heißt es: “Die Pflege des Gottesdienstes wird durch den Pfarrer der benachbarten Gemeinde Hainholz wahrgenommen, welcher monatlich einmal Gottesdienst im Schulgebäude zu Leinhausen abhält, zu welchem Zwecke eine besondere Sakristei angebaut ist.“

Grundsteinlegung im Juni 1965

Herrenhausen wie Leinhausen schickten damals je einen Delegierten in den Hainhölzer Kirchenvorstand. Um 1900 waren von Herrenhausen Landwirt Engelke und von Leinhausen Werkmeister Harms auserwählt.

Die Verbindung zwischen Herrenhausen und Leinhausen wurde enger, als ein spezieller Prediger für beide Bezirke zuständig, in Hainholz eingesetzt wurde. So blieben - nach der Lösung von Hainholz - Herrenhausen und Leinhausen als Kirchengemeinde zusammen.

Die Situation änderte sich für Leinhausen, als man 1959 damit begann, die ab 1875 gebaute und im wesentlichen im letzten Krieg von Bomben verschont gebliebene „Colonie“, umfassend zu sanieren. Eine Modernisie­rung der alten 2- bzw. 4-Familienhäuser war nicht möglich. Die hygienischen Zustände waren nicht mehr zeitgemäß. 1958 hatten nur 80 Wohnungen ein Spülklosett und für 400 Wohnungen gab es nur Gruben-Trockenaborte au­ßerhalb des Wohnhauses.

So entschied man sich für den generellen Abriss und den Bau einer moder­nen Siedlung mit einigen Hochhäusern. Dadurch wurde eine Wohnverdich­tung erzielt. Künftig sollten dort etwa 3200 Personen wohnen.

Das 'neue' Leinhausen in den 70er Jahren

Diese Planung veranlasste auch die Kirche, den alten Gedanken eines eige­nen Kirchspiels in Leinhausen wieder aufzugreifen und ein Gemeindezen­trum zu planen. Zu jener Zeit  durften nur aktive Eisenbahner in Leinhausen wohnen. Der Westbezirk hatte damals 3400 Gemeindemitglieder, zumeist junge Familien mit Kindern.

Pastor Tegtmeyer kam als junger Pastor im Oktober 1960 mit der Aufgabe nach Herrenhausen, dieses Gemeindezentrum aufzubauen. Der Bauauftrag wurde vergeben und die Grundsteinlegung erfolgte am 2. Juni 1965. Ab­ 6. Novemb­er 1966 fanden die Gottesdienste für den Leinhäuser Bezirk in der Pausenhalle der Volksschule Fuhsestraße statt.

Altarbild 'Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben.

Im Januar 1967 wurde die Gemeinde selbständig. Schon am 2. Juni 1967 konn­ten die unteren Räume mit Taufkapelle und der Gemeindesaal bezogen werden. Dann kam der Bau nicht richtig weiter, bis schließlich der Landessu­perintendent Schnübbe am 2. Juni 1971 die Kirche weihen konnte.

Sehr viel Geld wurde von den Gemeindemitgliedern gespendet. Zunächst für die Abendmahlsgeräte, die Glocken, das Altarkreuz, für die Einrichtung der Taufkapelle mit Taufstein und Mensa und für die beiden Orgeln. 1985 sam­melte die Gemeinde für die Kunstglasfenster im Altarbereich, 1997 für die farbigen Altarbilder, die auf einer weißen Fläche aufgehängt, die dunkle Rück­wand aufhellen und ein Jahr später für ein Fassadenkreuz an der Front­seite zur Stöckener Straße.

Expo 2000: Das Gleisstück mündet in ein Beet, das mit verschiedensten Gräsern und Farnen bepflanzt ist.

In Leinhausen hat es immer eine lebendige Gemeinde gegeben. Die Jugend- und Seniorenarbeit war bis zum Ende ein Schwerpunkt. Die Gemeinde war sich auch immer ihrer sozialen Verantwortung bewusst. Bereits 1969 wurden ein Kindergarten und eine Altentagesstätte eingerichtet. 2001 wurde ein Wohn-Schlaf­wagen der Deutschen Bahn übernommen, der als Jugendtreff für die "Lückekinder" ein lebhaftes Echo fand.

Ein besonderes Ereignis der letzten Jahre des Bestehens der Gustav-Adolf-Gemeinde war das Expo-Projekt: „Die Fahrt­richtung stimmt“, von Gemeindemitgliedern allein konzipiert und finanziell ge­tragen. Es sollte an die Wurzeln dieses Stadtteils erinnern und fand ein gro­ßes Echo in der Presse und auch in der Öffentlichkeit.

In der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde herrschte während ihres 40jährigen Bestehens ein lebendiges Gemeindeleben. Geographisch ist der heutige Stadtteil ein geschlossenes Gebilde. Begrenzt durch den Stöckener Friedhof, die Werkstätten, die Eisenbahnlinie und den Westschnellweg gibt es wenig fließende Übergänge zu anderen Stadtteilen. Geprägt wurde Leinhausen einst durch das Ausbesserungswerk und die dazugehörige „Colonie“, wo man arbeitete, wohnte und sich gegenseitig gut kannte. „Man arbeitete auf Leinhausen und man wohnte in Leinhausen“, war die allgemeine Meinung. Einiges davon ist bis heute zu spüren, obwohl das Werk nach längerem Niedergang 1992 endgültig geschlossen wurde. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl hat die Gemeinde bis zuletzt geprägt und zu einem regen und vielfältigen Gemeindeleben beigetragen. Vieles davon wurde in das neue, gemeinsame Miteinander mit der Herrenhäuser Muttergemeinde eingebracht.

Die Gustav-Adolf-Kirche entstand mit der Sanierung der alten "Colonie", die einen starken Zustrom junger Familien zur Folge hatte. Über hundert Kinder in den Kindergottesdiensten war in den siebziger Jahren die Regel, entsprechend war ein Jahrzehnt später die Anzahl der Konfirmandinnen und Konfirmanden. Da auch in der neuen Siedlung wenig Fluktuation herrschte, stieg die Altersstruktur der Einwohner ständig an und führte dazu, dass die Gemeinde zum Schluss insbesondere Seniorengruppen das Gemeindeleben prägten. Daneben wurde aber auch eine erfolgreiche Jugendarbeit betrieben. Auch hier hat einiges, wie die DJ-Band, das Leben in der gemeinsamen Gemeinde bereichert.

Einige der (teilweise schon fast "historischen") Bilder aus dieser Zeit möchten wir Ihnen nicht vorenthalten:

Gemeindeausflug 1968
Gemeindeausflug 1968
Gemeindefest 1987
Senioren im Gemeindesaal 1999
Der Altenkreis der Gustav-Adolf-Gemeinde beim Ausflug
Der 1. Advent 2006 in der Gustav-Adolf-Kirche
Der Wahlvorstand für die letzte Kirchenvorstandswahl 2006

 

Was für ein Tag, liebe Gemeinde! Zum ersten und letzten Mal stehe ich auf dieser Kanzel. Zum letzten Mal sind Sie, liebe Leinhäuser, in ihrer geliebten Kirche. Einige sind unter uns, die sind als Kirchenvorsteher sogar ganz am Anfang dabei gewesen: Sie, Herr Kirchhoff, waren schon bei der Grundsteinlegung am 2. Juni 1965 dabei. Sie, Frau Drösemeyer und Herr Thiel, als die Kirche sechs Jahre später, am 2. Juni 1971, endlich durch Landessuperintendent Schnübbe eingeweiht werden konnte. Frau Drösemeyer – sie weiß es noch genau – hat damals das (Abendmahls-)Brot herein getragen. Heute wird sie es heraustragen.

Letzter Gottesdienst am 27. April 2007

Ja, das geht schon nahe. Wie viele von Ihnen sind hier getauft worden – zum letzten Mal wurde vor einer Woche getauft. Wie viele sind konfirmiert und getraut worden: Ihr werdet das nicht vergessen. Und auch an die denken wir, die nicht mehr unter uns sind. Auch Sie gehören in die Gemeinschaft des Glaubens, die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten mit hinein. Ich nenne stellvertretend für so viele den letzten Kirchenvorstandsvorsitzenden, Herrn Witte, der den Weg der Fusion mit der Herrenhäuser Gemeinde, den Weg des Verkaufs so mutig und klug mit auf den Weg gebracht hat.

Ich konnte in den letzten Tagen bereits die schönen „Erinnerungen an die Gustav-Adolf-Kirche“ durchblättern – darauf können Sie sich freuen! Da steht einem im wahrsten Sinne des Wortes farbig vor Augen, mit wie viel Leben und Liebe und Herzblut Sie hier Gemeinde gebaut haben. Aber auch dies: In den Schoß gefallen ist Ihnen nicht viel. Mit Sparsamkeit haben Sie schon immer leben müssen. Ganz schnell ging hier nichts: Wenn man Eine-Mark-Wertscheine des Kirchbauvereins sieht, wenn man sieht, in wie viel Etappen die Kirche immer weiter vollendet und verschönert wurde, und wie viel Leinhäuser Gemeindeglieder dazu gespendet haben, dann zeigt das: Das ist wirklich Ihre Kirche.

Ja, das geht schon nahe. Was können wir an einem Tag wie diesem Besseres tun, als wieder – wie so oft in der Vergangenheit, und wie hoffentlich auch in Zukunft, oft in der nun gemeinsamen Herrenhäuser Kirche – die Bibel aufzuschlagen. Uns begleiten und stärken zu lassen durch Gottes Wort.

Choralschola im Entwidmungsgottesdienst

Ich lese die Emmausgeschichte, Lukas 24, 13-35:

Zwei von den Jüngern gingen am Ostertag in ein Dorf, / das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, / als sie so redeten und sich miteinander besprachen, / da nahte sich Jesus selbst / und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, / dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, / der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, / der ein Prophet war, / mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsere Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet / und gekreuzigt haben. Wir aber hoffen, / er sei es, / der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, / dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, / die sind früh bei dem Grab gewesen, / haben seinen Leib nicht gefunden, / kommen und sagen, / sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, / die sagen, er lebe. Und einige von ihnen gingen hin zum Grab / und fanden´s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, / zu trägen Herzens, all dem zu glauben, / was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten / und legte ihnen aus, / was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, / als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

Und es geschah, / als er mit ihnen zu Tisch saß, / nahm er das Brot, / dankte, / brach´s / und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet / und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, / als er mit uns redete auf dem Wege / und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, / kehrten zurück nach Jerusalem / und fanden die Elf versammelt / und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, / was auf dem Weg geschehen war / und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

Landessuperintendentin Frau Dr. Spiekermann

Zwei auf dem Weg, liebe Gemeinde. Ohne Illusionen. Was sie gehofft haben, was sie geglaubt, worauf sie gesetzt haben – ist zerbrochen. Sie treten den Rückweg an. Weg vom Ort, an dem die Welt in Ordnung war. An dem ER war, Jesus, der Garant für das andere, das heile Leben. An dem Gott nahe war. Konkret, lebendig. Ohne Illusionen. Auf dem Rückweg.

In diesen Tagen wird hier im Stadtkirchenverband viel über das Sparen diskutiert: Auf dem Rückweg. Nichts bleibt, wie es ist, heißt es. Willkommen in der Realität, stand gestern über einem Zeitungskommentar. Leicht gesagt! Die Kirche und mit ihr der Stadtkirchenverband wagen etwas, wovor wir in unserer Gesellschaft noch immer die Augen verschließen. Offenzulegen, ernst zu machen mit dem, was wir noch können, und mit dem, was wir schon lange nicht mehr können! So diskussionswürdig manches ist: Mit diesem Realitätssinn ist die Kirche ein Vorbild für unsere Gesellschaft!

Sie, die ehemalige Leinhäuser Gemeinde, haben damit schon viel früher angefangen. Sie haben viel früher gemerkt: Es ist nicht mehr so, wie es in den Jahren der Gründung, des Aufbaus war. Als man Ende der 50er Jahre die „Kolonie“ der Eisenbahner umfassend sanierte und neu aufbaute. Und als sie Stück für Stück dies Zentrum aufbauten: Vor jetzt genau 40 Jahren konnte der untere Teil eingeweiht werden – die Glocken waren auch gerade da und konnten dazu läuten. Und ganz plastisch hat man einen halben Schlüssel übergeben. Und dann dauerte es noch einmal vier Jahre, bis die Kirche hier oben eingeweiht werden konnte. Die Decke noch unverkleidet, die Altarwand dunkel, die Fenster aus reinem Fensterglas: Und doch eine große Freude für die Gemeinde.

Und es ging weiter: Die Decke, dann die Fenster von Hubert Distler, die Altarwand mit den Bildern aus Chile: Verbindung mit denen, die unter ganz anders harten Verhältnissen ihr Christsein leben. Schließlich 1998 noch das Kreuz. Und vor allem und in allem: Menschen, die hier ein- und ausgingen, die sich versammelt, Gottesdienst gefeiert, geplant, mitgeholfen haben. Weil sie hier ihre Heimat finden, im Leben und auch im Sterben. Weil sie hier Gemeinschaft finden unter Gottes Wort. Weil hier jeder bei seinem Namen gerufen ist. Keiner zu klein und keiner zu groß. Keiner zu arm und auch keiner zu reich.

Ja, und dann merkten Sie schon in den 90er Jahren: Es geht so nicht mehr weiter. Es ziehen zu viele weg. Es kommen zu wenige nach, und die kommen, gehören oft anderen Konfessionen oder Religionen an, wenn überhaupt. Liebe Pastoren Weisker, Grießhammer und Pastorin Lampe-Densky, liebe Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher: Sie sind dem nicht ausgewichen. Sie haben nicht gesagt: Wird schon werden. Sie haben sich damit auseinandergesetzt. Auf den Weg gemacht. Den Rückweg. Das war mutig. Ohne Illusionen.

Auszug aus der Gustav-Adolf-Kirche

Ja, liebe Gemeinde, bleiben wir hier, auf diesem Weg der zwei, kurz noch einmal stehen. Ich glaube, die meisten von uns kennen ihn. Auch in ganz anderen Zusammenhängen. Auch ganz persönlich. In ihrem Leben. Den Weg zurück. Nicht: Immer schneller, immer weiter, immer höher. Nein, den Weg zurück. Wo Zukunft plötzlich abgeschnitten ist. Wo es nicht mehr weiter geht. Wo nichts bleibt, wie es ist. Wenn ein geliebter Mensch von uns geht. Wen ich mit der Diagnose schwerer Krankheit konfrontiert werde. Wenn ich vor den Trümmern meines Berufslebens stehe. Und in der Gemeinschaft der Christen eben auch: Wenn Heimat, vertraute Heimat verlassen werden muss.

Das ist ein harter Weg. Da gibt es nichts zu beschönigen. Die zwei sind nicht zum Spaß unterwegs. Sie tun das einzige, was ihnen bleibt: Über das alles reden. Wohl dem, der dann einen zum Reden hat. Der einen hat, der diesen Weg mitgeht.

Als wir im Pressegespräch zu diesem Entwidmungsgottesdienst zusammen saßen, fragte einer der Journalisten: Die Trauer, den Abschied, den das heute bedeutet: Das inszenieren Sie also. Ja, liebe Gemeinde: Was wird heute nicht inszeniert! Wir bemalen Särge, um den Tod etwas bunter aussehen zu lassen: Weil wir keine Hoffnung haben.

Die Bibel, und das ist für mich auch an einem Tag wie dem heutigen so tröstlich: Die Bibel inszeniert nicht. Die Bibel sagt nicht: Wir feiern Ostern, Christ ist erstanden, nun ist alles gut. Mao lebt. Die Bibel schreibt solche Geschichten: Da sind Jünger, die haben Jesus erlebt. Die sind von ihm berührt. Von der Kraft, die von ihm ausgeht. Und dann – sie erleben seinen Tod. Das Ende. Der nicht mehr beschreibbare Schock. Eine Welt zerbricht. Sie hören: Es geht weiter. Das Grab ist leer. Er lebt. Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Die Bibel schiebt das nicht beiseite. Kein Kopf hoch und wird schon werden. Da müssen wir durch. Klein ist fein. Oder was immer uns zu sagen einfällt. Die Bibel sagt: Ja, das ist so. Da treten zwei den Rückweg an. Stoßen sich hart an der Realität. Ohne Illusionen. Ihnen bleibt nichts, als zu gehen und zu reden. So wie Sie hier viel geredet haben. Und so, wie jetzt viel geredet wird. Wohl dem, der einen zum Reden hat.

Schlüsselübergabe

Aber plötzlich geht einer mit. Ist einer da, der fragt: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Der hört zu: Ob da schon manches in ein anderes Licht rückt – ohne, dass wir es merken? Wie oft, liebe Gemeinde, mag ER auf dem Weg bis hierher mit dabei gewesen sein? Bei den vielen großen und den kleinen Schritten, die Sie getan haben? Der Entscheidung zum Verkauf. Der Entscheidung für die Jüdische Gemeinde. Den für alle Seiten nicht nur einfache Verhandlungen. Dem neuen Miteinander im Kirchenvorstand, dem neuen Vertrauen, auch bei schwierigen Erfahrungen? Dem Gefühl, allein gelassen zu sein - und dann geht es doch weiter? Und dann spricht ER mitten hinein, in unser Leben und in unsere Gemeinde: Musste ich nicht meinen Weg gehen? Musste ich nicht bis in die Tiefe des Kreuzes gehen, die Tiefe der Verlassenheit, wo wirklich nichts mehr bleibt, wie es war? Wo Verlust ist und Ende und von Gott nichts mehr zu spüren? Um Euch nahe zu sein. Um mein, um Gottes Reich dort beginnen zu lassen. Damit Neues wächst im Alten – nicht aus dem Alten. Im Ende ein Anfang. Im Tod Leben.

Ja, es ist so. Wir können nicht in das leere Grab blicken und an die Auferstehung glauben. ER selber muss kommen. Mit seine Nähe. Mit seinem Wort. Mit seiner Gemeinschaft. Brannte nicht unser Herz in uns; sagen die zwei, als er bei ihnen einkehrt. Als ER, der Gast, ihnen das Brot bricht. Sich selber mitteilt. Und sie ihn endlich erkennen. Und er nicht mehr da ist. Nicht zu fassen. Nicht festzuhalten.

Kein zu verteilendes und kein einzusparendes Geld. Aber mittendrin seine lebendige Wirklichkeit. Seine lebendigere Wirklichkeit als all unsere Realität.

Und die zwei stehen auf. Und gehen zurück. Dahin, woher sie kamen. Zu den anderen. Verkünden ihnen, was sie erlebt haben. Und die erzählen ihnen das Gleiche. Das ist Gemeinde!

Einzug in die Herrenhäuser Kirche

Gott sei Dank für alles, was war! Ihnen sei Dank, der Gemeinde, den Mitarbeitenden, dem Kirchenvorstand, Ihnen, Frau Lampe-Densky, und auch dem Herrenhäuser Teil, mit dem Sie ja schon zusammengehören, Frau Uhlmann, Dem Superintendenten, Herrn Sundermann.

Gott geht manchmal überraschende Wege. Wir sind dankbar, dass er nebenher geht auch in all den Gesprächen mit der Liberalen Jüdischen Gemeinde. Wir sind dankbar, dass dieser Raum als Synagoge ein gottesdienstlicher Raum bleiben wird.

So segne Gott unseren Ausgang und Eingang. So gehe er mit uns auf unseren Weg hinaus und hinüber in die Herrenhäuser Kirche. So lasse er uns zusammenwachsen zu einer lebendigen Gemeinde. So segne Gott den Eingang unserer jüdischen Geschwister, wenn sie hier ihren Gottesdienst feiern werden. So gebe er sich immer wieder überraschend zu erkennen auf unserem Weg, in seinem Wort, im Brechen des Brotes, dadurch, dass mitten im Alten Neues wächst.

Brannte nicht unser Herz in uns?

Amen

Umgestaltets Portal

Am 7. Mai 2007 wurde die Gustav Adolf Kirche entwidmet. Dier Gebäude wurden nach längeren Verhandlungen 2007 von der Liberalen Jüdischen Gemeinde übernommen. Die Architekten Ahrens und Grabenhorst bauten das Gemeindezentrum um und erhielten 2010 dafür den Niedersächsischen Staatspreis für Architektur.

Hell und freundlich wirken die Räume nach dem Umbau. Auch der Innenhof ist nun ausgebaut; der offene Umgang wurde geschlossen und in ein Café umgewandelt. 2010 hat die Gemeinde mehr als 600 Mitglieder. Zwei Drittel davon sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion.

Innenhof nach der Umgestaltung

Das Gemeindezentrum umfasst eine liberale Synagoge, eine öffentliche jüdische Bibliothek, ein Kinder- und Jugendzentrum, ein Kultur- und Bildungszentrum, sowie Veranstaltung-; Seminar- und Übungsräume. Es trägt den Namen „Etz Chaim“, das heißt „Baum des Lebens“.